Bluthochdruck
Präeklampsie
Eklampsie
HELLP Syndrom
Diese Beiträge konnten wir aus dem wir eltern-Ratgeber «Wenn Schwangerschaft krank macht» entnehmen. Der Ratgeber ist kostenlos erhältlich. Bestellung: siehe Kontakte.
Bluthochdruck
Der lautlose Vorbote
Jedesmal, wenn Sie zum Arzt oder zu Ihrer Ärztin gehen, wird Ihr Blutdruck kontrolliert. Das hat seinen Grund, denn Bluthochdruck (Hypertonie) spielt bei den meisten Erkrankungen während der Schwangerschaft eine Rolle. Erhöhte Werte sind ein ernst zu nehmender Vorbote für eine mögliche Erkrankung. Damit Sie sich über die Komplexität Ihres Blutkreislaufs eine Vorstellung machen können, nehmen wir Sie mit auf eine Reise durch Ihr Blutsystem.
So funktioniert der Herzkreislauf
Ausgangspunkt ist das Herz. Wenn sich der linke Herzmuskel zusammenzieht und
Sie Ihren Puls spüren, wird Blut in die Aorta gepumpt. Das passiert etwa
70-mal pro Minute, dabei verlassen jedesmal gut 50 Gramm Blut das Herz, so
viel, wie in einer Kaffeetasse Platz hat. Auf jede Kontraktion des Herzmuskels
– man nennt sie Systole – folgt die Erschlaffung (Diastole).
Die Aorta und alle anderen Adern sind innen glatt, so dass der Blutfluss keinen
Widerstand überwinden muss. In Herznähe strömt das Blut in
einer mittleren Geschwindigkeit von 20 bis 25 cm pro Sekunde. Die Gefässe
sind wie ein Baum aufgebaut. Vom Stamm zweigen die Arterien. wie Äste
ab. Von da an verästelt sich das ganze Netz. In der herzentferntesten
Region spricht man von Haar- oder Kapillargefässen, die schon eher mit
Fäden als mit Ästen zu vergleichen sind. In diesen engen Bahnen
sinkt der Druck, und der Blutstrom wird zu einem Rinnsal. Er kommt pro Sekunde
gerade noch einen halben bis ganzen Zentimeter voran. Das ist allerdings kein
Minuspunkt, denn die träge Fliesskraft ist ideal, um «Gepäck»
umzuladen: Das frische Blut gibt Sauerstoff und Nährstoffe an die Zellen
ab und nimmt beim Rücktransport Kohlensäure und Schlackenstoffe
mit – Abfälle, die von Verbrennungsvorgängen in den Zellen
übrig bleiben. Venenklappen sorgen dafür, dass das Blut bei der
Rückreise zum Herzen nicht ständig nach unten versackt.
Grosser und kleiner Blutkreislauf
Während der Schwangerschaft wird an der Schaltstelle Plazenta Ihr Blutkreislauf
mit dem des Fötus gekoppelt. Das klingt so einfach, ist aber ein wahres
Kunststück. Die Plazenta besteht aus den Zellen des Kindes. Das heisst:
Gewebe des Kindes muss am Gewebe der Gebärmutter (Uterus) andocken. Der
Mutterkuchen, wie die Plazenta zu Deutsch heisst, ist relativ flach und rund,
tatsächlich einem Kuchen ähnlich. Die dem Körper der Mutter
zugewandte Seite heisst Basalplatte, die gegenüberliegende nennt man
Chorionplatte.
Auf der Seite der Basalplatte entscheidet sich, ob die Verbindung zwischen
den beiden Kreisläufen funktioniert. Die Gebärmutterwand ist übersät
mit feinen Arterienöffnungen, die Schweineschwänzchen ähneln.
Daher der Name Spiralarterie. Das Blut wird mit Druck aus den Arterien gestossen,
ergiesst sich über die darunter liegenden Zotten und fliesst danach zurück
in die Venenöffnungen der Gebärmutterwand. Die Zotten baden praktisch
ständig im Blut der Mutter. Vorausgesetzt, die Höhe des Blutdrucks
stimmt.
Am unteren Rand der Basalplatte befindet sich die Chorionplatte. Diese Nahtstelle
ist mit kleinsten Ausstülpungen überdeckt. Auf der zum Kind hin
gewendeten, glatten Seite der Chorionplatte entspringt die Nabelschnur. In
ihr befinden sich zwei Arterien. Sie leiten das aus dem Kreislauf des Kindes
stammende Blut zur Plazenta und verzweigen auf der Chorionplatte in weitere
Adern und Äderchen. So werden die hintersten Zottenenden durchblutet.
Von dort gelangt das Blut über kleine venöse Blutbahnen in die Venen
der Chorionplatte und dann in die Nabelschnurvene: Der Blutkreislauf des Ungeborenen
schliesst sich. Wie gut die Blutzirkulation und die Durchblutung der feinsten
Gewebeteilchen funktioniert, bestimmen die Schlagfrequenz und die Schlagkraft
des kleinen Herzens.
Läuft alles so reibungslos wie hier beschrieben, werden Sie mit grosser
Wahrscheinlichkeit eine unbeschwerte Schwangerschaft haben. Bei Präeklampsie-
und HELLP-Patientinnen treten dagegen an dieser Kopplungsstelle sehr früh
Probleme auf: Man hat bei erkrankten Frauen festgestellt, dass die Spiralarterien
– also die «Duschkabine» für die Zotten – in
der Schwangerschaft eng, starr und stärker gedreht bleiben, statt weich
und weit. Dadurch verschmilzt die Plazenta nicht gut genug mit dem Uterusgewebe.
Sie wird nicht genügend durchblutet und der Fötus nur mangelhaft
versorgt.
Warum gibt es Schwangere, die starre, enge Spiralarterien haben, obschon doch
während der Schwangerschaft Hormone für weiche und weite Blutgefässe
sorgen? Unter Verdacht steht die Zellschicht in den Blut- und Lymphbahnen,
das so genannte Endothel. Lassen Sie uns auch noch einen kleinen Ausflug in
diese Materie machen.
Endothel – die wichtige Zellschicht
Die Innenwände der Blutgefässe sind mit einer Zellschicht, dem Endothel,
ausgekleidet, die gleichzeitig die Gefässe nach aussen abgrenzt und wichtige
Botenstoffe freisetzt, zum Beispiel Stickoxyd und Prostacyclin. Beide wirken
gefässerweiternd. Prostacyclin sorgt zudem dafür, dass sich die
roten Blutplättchen (Thrombozyten) nicht ballen. Anders ausgedrückt:
Prostacyclin hemmt die Entstehung von Thrombosen.
Ist das Endothel beschädigt, gerät das ganze System aus dem Gleichgewicht:
Die Blutplättchen verkleben, die Gefässe verengen sich, und zwar
im ganzen Körper. Jetzt muss das Herz härter arbeiten, um das Blut
auch in die entlegensten Adern zu pressen, wodurch sich die Gefässe zusätzlich
verengen. Die Folgen sind gefährlich: Die werdende Mutter leidet unter
Bluthochdruck und das Baby bald einmal unter Mangelerscheinungen, da die Plazenta
ungenügend durchblutet wird. Das ist umso problematischer, als die Plazenta
während der 9 Monate wächst und genau das Gegenteil verlangt: eine
vielfach stärkere Durchblutung. Der Organismus der Frau produziert deshalb
etwa ab der 12. Woche mehr Blut. Die Menge nimmt um 30 bis 40 % zu. So hat
eine 60 Kilo schwere Frau mit normalerweise etwa 5 Liter Blut um die 34. Woche
eine Höchstmenge von 6 bis 6,5 Litern.
Eine Diagnose – viele Ursachen
Hinter hohem Blutdruck können sich andere Erkrankungen verstecken:
- Eine fehlerhafte Einnistung des Embryos und eine mangelhafte Ankoppelung
des kindlichen Kreislaufs.
- Ein beschädigtes Endothel (Innenwand der Blutgefässe).
Die Folgen können sein:
- Mangelhafte Durchblutung der Plazenta, eine so genannte Plazentainsuffizienz.
- Mangelhafte Versorgung und Entwicklung des Fötus.
- Steigendes Risiko für eine Präeklampsie.
Die Behandlung
Wenn es «nur» bei dieser Disharmonie bleibt, wird der Patientin
(Bett-) Ruhe verordnet. Sie muss vielleicht blutdrucksenkende Medikamente
einnehmen und wird häufiger zur ärztlichen Kontrolle bestellt. Es
bestehen gute Chancen, dass das Baby ausgetragen werden kann. Hoher Blutdruck
ist aber oft ein Vorbote für eine Präeklampsie.
Präeklampsie
Ein Körper gerät aus den Fugen
Wenn neben schwerem Bluthochdruck ab der 20. Woche Eiweiss mit dem Urin ausgeschieden
wird, besteht eine Präeklampsie. 3 bis 5 % der Schwangeren sind davon
betroffen; Erstgebärende häufiger als Mehrgebärende. Das Wort
Präeklampsie umschreibt den Krankheitszustand der Patientin: vor (= prae)
einem krampfartigen Anfall (= Eklampsie).
Zu den Begleiterscheinungen können auch Ödeme gehören. Aber
nicht jedes Ödem ist Anzeichen einer Präeklampsie, denn 80 % der
Schwangeren haben diese Wassereinlagerungen im Gesicht, in den Armen, Händen
und Beinen. Sie sind zwar keine Wonne und gegen Ende der Schwangerschaft oft
auch unangenehm, aber leichte Formen sind ungefährlich. Erst wenn die
Frau innerhalb weniger Tage regelrecht aufschwemmt und schnell zunimmt, droht
Gefahr. Um zu verstehen, wie es zu Ödemen kommt, schauen wir auch hier
einmal hinter die «Kulissen».
Wasser im Gewebe – Eiweiss im Urin
Zwischen den Blutgefässen und dem Gewebe herrscht ein reger Flüssigkeitsaustausch:
Wasser weicht aus den Adern ins Gewebe und wird umgekehrt von dort in die
Blutbahnen resorbiert – wenn die Druckverhältnisse im Körper
stimmen. Weil während der Schwangerschaft das Hormon Östrogen Wasser
im Körper zurückhält, Progesteron dagegen für weiches
und durchlässiges Gewebe sorgt, kann Flüssigkeit leichter aus den
Gefässen austreten und im Gewebe bleiben.
Es gibt noch eine weitere Variante, die zu Ödemen führt: die Proteinurie,
wenn also Eiweiss (Protein) in den Urin gelangt und damit im Blut fehlt. Eine
wichtige Rolle spielt dabei Nahrungseiweiss, das im Blut enthalten ist. Die
Leber produziert daraus eine körpereigene Variante, das Albumin. Es ist
für den so genannten kolloidosmotischen Druck in den Blutgefässen
verantwortlich, das heisst: es kann Wasser im Gefäss binden. Ist zu wenig
Albumin vorhanden, versickert Wasser im Gewebe. Sichtbares Ergebnis sind in
beiden Fällen Ödeme.
Fragt sich, wie das Eiweiss in den Urin gelangt. Die Niere ist mit über
einer Million kleinster Filter ausgestattet, durch die das Blut fliesst. Bei
diesem Prozess wird Harn ausgeschieden. Bei Schwangeren, die eine Präeklampsie
oder ein HELLP-Syndrom entwickeln, werden diese Poren gröber. Jetzt können
Eiweissmoleküle wie das Albumin, die sonst zurückgehalten würden,
mit dem Harn verschwinden. Sie fehlen dem Körper, wodurch das Wasser
in den Gefässen nicht mehr gebunden ist, sondern sich «frei»
bewegen kann – mit Vorliebe raus aus den
Gefässen und ins Gewebe, besonders, wenn zusätzlich Natrium in den
Nierenfiltern zurückbleibt. Ödeme breiten sich rasant aus. Manche
Frauen legen innerhalb weniger Tage mehrere Kilo zu.
Weil nun die weissen und roten Blutkörperchen in der Restmenge überhand
nehmen, dickt das Blut ein. Es fliesst wie Honig statt wie Wasser. In dieser
Situation bleiben die Blutplättchen (Thrombozyten) an den Arterien-Innenwänden
kleben und verengen die Gefässe. Die Plazenta und der gesamte Organismus
der Mutter werden schlechter durchblutet, das Baby leidet eventuell Mangel
und entwickelt sich nicht gut. Sogar eine Ablösung der Plazenta ist möglich.
Der Kreislauf reagiert mit erhöhtem Blutdruck, um die Durchblutung zu
verbessern. Die Nieren arbeiten schlechter und versagen im schlimmsten Fall,
so dass kein neuer Urin mehr gebildet wird: Der Harnsäurespiegel steigt
und vergiftet den Körper regelrecht.
Um genügend Albumin zu bilden, gehört Eiweiss in den täglichen
Speiseplan. Aber auch die Vitaminbilanz muss stimmen, sonst kann der Körper
die Proteine nicht aufnehmen. Deshalb sollten Sie die goldene Regel «5-mal
täglich je eine Portion frisches Obst und/oder Gemüse» befolgen.
Abwehrreaktion des Immunsystems?
Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass viele Teile im Puzzle «Schwangerschaftserkrankungen»
noch fehlen, um mit Gewissheit sagen zu können, wie sie entstehen. Mit
Studien versucht man, mehr zu erfahren. Über die starren und engen Spiralarterien
und die beschädigte Zellschicht in den Blutgefässen haben wir im
Kapitel «Bluthochdruck» bereits berichtet. Sie kommen als Verursacherinnen
in Betracht. Bewiesen ist das allerdings noch nicht.
Das gilt auch für eine familiäre Veranlagung. Vererbt wird von der
Mutter auf die Tochter. Man stützt sich bei dieser Annahme auf einen
Fall aus dem Jahr 1883, bei dem die Mutter und alle ihre 4 Töchter eine
Eklampsie hatten.
Ein weiteres Erklärungsmodell ist die so genannte Abstossungstheorie.
Bei jeder Schwangerschaft enthält die Plazenta 50 % Fremdanteil, der
vom Vater kommt. Diesem Gedanken folgend, könnte man bei jeder geglückten
und normal zu Ende gehenden Schwangerschaft von einer erfolgreichen Transplantation
sprechen.
Wie bei jeder Transplantation will der Körper fremdes Gewebe abstossen.
Nun hatte man beobachtet, dass sich unter den Präeklampsie-Patientinnen
auffallend viele Mehrgebärende befanden, die einen neuen Partner hatten
und bereits nach einer kurzen sexuellen Beziehung von ihm schwanger wurden.
Und Frauen, die zwar schon lange mit ihrem Partner zusammen waren, aber jahrelang
mit Kondomen verhüteten.
In beiden Fällen hatte das Immunsystem der Mutter, so die Annahme, keine
oder zu wenig Gelegenheit, sich mit den Spermien des Mannes «anzufreunden».
Es wehrte sich nach der Befruchtung gegen die «Fremdlinge» in
der Plazenta und stiess sie ab. Der Abwehrkampf wird von der Plazenta aus
gestartet und weitet sich auf den gesamten Körper der Frau aus. Fatal
dabei ist, dass die Plazenta Versorgungsstation des Ungeborenen ist.
Auch diese Argumentation ist noch nicht vollständig gesichert. Aber dass
die Plazenta bei jeder Form der Schwangerschaftserkrankung eine wichtige Rolle
spielt, scheint festzustehen. Das ist der Grund, weshalb in manchen Kliniken
bei diesen Patientinnen nach der Entbindung die Gebärmutter ausgekratzt
wird. Man will ganz sicher sein, dass alle «schlechten» Blutgefässe
entfernt wurden – erst dann ist die Krankheit beendet.
Weitere Anzeichen und Verläufe
Neben Hypertonie, Proteinurie und eventuell Ödemen klagen viele Betroffene
über Schmerzen im Oberbauch, also am Rippenbogen. An der Universitätsklinik
in Zürich trifft das bei 86 bis 90 % der Patientinnen zu. Diese Bauchschmerzen
können die einzigen Symptome sein, müssen also weder von Hypertonie,
Proteinurie noch von Ödemen begleitet sein. Bei der ersten Schwangerschaft
glauben manche Frauen, sie hätten Frühwehen. Oder Magenschmerzen
– das ist eines der häufigsten Missverständnisse. Bei Oberbauchbeschwerden
sollte unbedingt die Ärztin oder der Arzt konsultiert werden, insbesondere,
wenn Erbrechen und/oder Übelkeit hinzukommen. Sie sind Hinweise auf ein
Leber- oder Nierenversagen – also auf eine schwere Präeklampsie
oder ein HELLP-Syndrom. Weitere Anzeichen für eine Erkrankung sind Sehstörungen
wie Augenflimmern, Doppelbilder sehen, Gesichtfeldsausfälle oder Muskelkrämpfe.
Bei Verdacht auf Präeklampsie sollten Sie auf einer Einweisung in ein
Perinatal-Zentrum bestehen.
Die Behandlung
Unterschieden wird zwischen einer leichten Präeklampsie mit Bluthochdruck
und Eiweiss im Urin sowie einer schweren Form, bei der die beschriebenen Symptome
hinzukommen. Je näher der Geburtstermin liegt, desto leichter ist der
Verlauf. In diesem Fall wird eher abwartend reagiert und die Schwangere in
der Klinik engmaschig kontrolliert. Wenn eine Frühgeburt vor der 34.
Woche wahrscheinlich ist, wird man der Mutter ein Medikament verabreichen,
das die Lungenreife des Ungeborenen vorantreibt und dem Baby das Atmen nach
der Geburt erleichtert. Sobald sich der gesundheitliche Zustand der Mutter
verschlechtert oder es dem Baby nicht mehr gut geht, wird die Schwangerschaft
zumeist mit einem Kaiserschnitt beendet.
«Sofortiger Kaiserschnitt» heisst die Therapie bei der schweren
Form, und die korrespondiert in der Regel mit Präeklampsie vor der 28.
Woche. Schwere Verläufe kennt man auch bei der «trockenen»
Variante – wenn also Ödeme ausbleiben.
Präeklampsie kann ohne Vorzeichen und ganz schnell «hereinbrechen».
Die Frau legt sich abends scheinbar gesund ins Bett und wacht schwer krank
wieder auf. Einige Stunden später ist ihr Kind eventuell bereits auf
der Welt. Eine beträchtliche Zahl Frühgeborener auf den neonatologischen
Intensivstationen sind Babys, die wegen einer Präeklampsie oder eines
HELLP-Syndroms extrem klein und unreif geboren werden. Den grossen Schock
über das abrupte Ende der Schwangerschaft können die Mütter
sehr oft kaum verarbeiten, weil sie um das Überleben des Kindes bangen
müssen.
Was ist eine Gestose?
Der medizinische Begriff Gestose hat zwei Wurzeln: Das Wort «Gestation»,
zu Deutsch Schwangerschaft, und die Endung «ose», was so viel
wie «krankhafter Zustand, chronische Erkrankung» bedeutet. Gestose
beschreibt also ziemlich genau den Sachverhalt: Es handelt sich um eine (chronische)
Erkrankung während der Schwangerschaft. Sie schliesst neben der Präeklampsie
und dem erhöhten Blutdruck zum Beispiel auch die leichte und schwere
Form schwangerschaftsbedingter Übelkeit und Erbrechen mit ein. Gestosen
werden zeitlich in frühe (meistens bis zur 26. Woche) und späte
eingeteilt.
Oft stehen vor dem Wort die drei Buchstaben EPH. Sie bedeuten Edema (Ödeme
= Wassereinlagerungen im Gewebe), Proteinurie (Eiweissausscheidung mit dem
Urin) und Hypertonie (Bluthochdruck). Besonders in Deutschland wird der Begriff
Gestose benutzt, allerdings nicht mehr mit dem Zusatz EPH.
In der Schweiz wird die Bezeichnung Präeklampsie bevorzugt.
Eklampsie
Der Krampfanfall
Zum Glück kommt der eklamptische Anfall, der rein äusserlich an
Epilepsie erinnert, sehr selten vor. In den letzten 50 Jahren sind die Zahlen
drastisch zurückgegangen, was umso erfreulicher ist, als Eklampsie für
die Mutter und das Ungeborene lebensbedrohend ist. Etwa 10 % der Sterbefälle
rund um die Geburt gehen aufs Konto der Eklampsie. 7 bis 12 % der Feten sterben
entweder in Folge einer extrem frühen Geburt oder einer vorzeitigen Plazentaablösung.
In den Industrienationen wird die Häufigkeit mit 1:2000 Schwangerschaften
angegeben. Für die Schweiz mit den rund 70 000 Geburten pro Jahr wären
es 35 Fälle. Zuverlässige Zahlen über die Häufigkeit bei
uns gibt es allerdings nicht.
Eklampsie ereignet sich nicht nur während der Schwangerschaft. So sind
2 der 3 Patientinnen in der Zürcher Klinik im Wochenbett erkrankt. Aber
auch während der Geburt können Anfälle auftreten. Eine englische
Studie, bei der zu Beginn der 90er-Jahre 383 Patientinnen im Nachhinein untersucht
wurden, ergab folgendes Bild: 38 % dieser Krampfanfälle traten vor der
Geburt auf, 18 % während und erstaunliche 44 % nach der Geburt; 2 % davon
sogar nach mehr als 6 Tagen.
Ein Anfall dauert 15 bis 20 Sekunden. Dabei verdrehen die Patientinnen die
Arme und Beine. Sie wenden den Kopf zur Seite und die Pupillen sind weit offen.
Manche beissen sich auf die Zunge. Auch Atemprobleme, Lungenödeme und
Blutungen gehören dazu.
Die Krämpfe, auch Spasmen genannt, werden vom Hirn ausgelöst, zum
Beispiel durch Gefäss-Spasmen oder eine Hirnblutung. Bei Bluthochdruck
besteht die Gefahr, dass im Hirn Blutgefässe platzen. Eine mangelhafte
Blutversorgung zieht Sauerstoffmangel nach sich. Auch die Leber kann in Mitleidenschaft
gezogen werden. Durch Ödeme und Blutungen in der Leber entsteht Druck
auf die Aussenhülle, die so genannte Leberkapsel. Die schwangere Frau
klagt über Schmerzen im oberen Teil des Bauches. Dieses Symptom wird
von Ärzten leider oft als Magenproblem fehlinterpretiert.
Manche Frauen krampfen als Folge einer Präeklampsie – wie bereits
erwähnt, heisst Präeklampsie ja übersetzt «vor einem
eklamptischen Anfall». Bei anderen fehlt diese Vorstufe, dasselbe kann
auch für Bluthochdruck und/oder Proteinurie gelten. In der erwähnten
Studie traf das für ein Drittel der untersuchten Frauen zu. Häufig
macht sich vor einem Anfall eine starke innere Unruhe bemerkbar, auch heftige
Kopfschmerzen, Augenflimmern, Druck im Oberbauch sind häufig zu beobachten.
Die Behandlung
Eine krampfende Schwangere braucht eine intensive medizinische Betreuung;
sie wird kontinuierlich überwacht. Oberstes Ziel ist es, weitere Anfälle
zu vermeiden, weshalb man der Patientin Magnesium verabreicht. Wie bei allen
anderen Formen der Schwangerschaftserkrankungen muss auch bei der Eklampsie
der Flüssigkeitshaushalt wieder ins Lot gebracht werden. Das kann heissen,
dass die Patientin Blutplasma oder -plättchen kriegt, um die verloren
gegangenen oder nicht funktionierenden Gerinnungsstoffe beziehungsweise Blutplättchen
zu ersetzen. Plasma kann noch mehr: Es «holt» Wasser aus dem Gewebe
in die Blutgefässe zurück; die Ödeme gehen zurück.
Auch die Nieren werden kontrolliert: Ist die Ausscheidung in Ordnung? Andernfalls
wird ebenfalls medikamentös therapiert. Da beim eklamptischen Anfall
häufig die Lunge in Mitleidenschaft gezogen wird, muss auf die Atmung
geachtet und die Frau eventuell künstlich beatmet werden, bis sich die
Lunge erholt hat.
Ein Computertomogramm und/oder ein Magnetresonanztomogramm geben Aufschluss
darüber, ob durch den Krampfanfall Blutgerinnsel oder Versorgungslücken
im Gehirn entstanden sind. Zum Glück verschwinden sie fast immer nach
3 bis 6 Monaten von selbst.
HELLP-Syndrom
Leben in Gefahr
Hinter dem Kunstwort HELLP, das der amerikanische Arzt Louis Weinstein 1982
prägte, verbergen sich die Begriffe Hämolyse (Zerstörung roter
Blutkörperchen), Erhöhte Leberwerte sowie niedrige (Low) Plättchenzahlen.
Die Krankheit tritt meistens nicht vor der 30. Schwangerschaftswoche auf,
und es gilt die Faustregel: je später, desto geringer das Wiederholungsrisiko
bei späteren Schwangerschaften.
Die Zerstörung grösserer Mengen roter Blutkörperchen im Plasma
führt zur Blutarmut. Die toten Zellen müssen aus dem Körper
geschafft werden. Das ist die Aufgabe der Leber. Allerdings ist sie für
«Aufräumarbeiten» dieses Ausmasses nicht geschaffen: Die
Leberwerte steigen. Es kommt zu Funktionsstörungen, die sich schmerzhaft
bemerkbar machen. HELLP-Patientinnen klagen fast immer über Schmerzen
auf der rechten Oberbauchseite.
Ausserdem nimmt die Zahl der Blutplättchen im Plasma ab. Thrombozyten,
wie sie im Fachjargon heissen, sorgen normalerweise für eine intakte
Blutgerinnung und gute Wundheilung. Mit einer reduzierten Zellmenge ist das
nicht mehr möglich. Es kann überall im Körper zu inneren Blutungen
kommen, sogar im Gehirn. Äusserlich können sie sich durch stecknadelgrosse
punktförmige oder flächige Blutansammlungen zeigen.
Weitere Symptome sind allgemeines Unwohlsein, Erbrechen, aber auch Magenschmerzen.
Allerdings zeigen sie sich meistens sehr diffus und sind deshalb vom Arzt
schwer zuzuordnen. So kommt es, wie bereits erwähnt, leider gelegentlich
zu Fehldiagnosen, weil die Beschwerden zum Beispiel als Entzündung der
Magenschleimhaut oder als Magengeschwür interpretiert werden. Das passiert
leichter, wenn sowohl Bluthochdruck als auch Proteinurie fehlen.
Wenn Sie hinsichtlich der Diagnose Ihres Arztes, Ihrer Ärztin unsicher
sind, sollten Sie sich umgehend an ein Perinatal-Zentrum wenden, denn beim
HELLP-Syndrom muss schnell gehandelt werden.
Dass diese Krankheit gar nicht so selten vorkommt, zeigen die Zahlen aus der
Universitätsklinik Zürich: Auf 50 bis 60 Geburten kommt eine HELLP-Patientin.
Wobei zu berücksichtigen ist, dass sich in Spitälern wie die Uniklinik
Zürich problematische Schwangerschaften und Geburten häufen, weil
sie von anderen Kliniken hierher überwiesen werden.
Die Behandlung
Vieles, was Sie über die Therapie bei einer Präeklampsie gelesen
haben, gilt auch für das HELLP-Syndrom. Im Vergleich zur Präeklampsie
ist eine HELLP-Patientin aber schwerer krank, und es dauert länger, bis
sie wieder gesund ist. Während man bei der leichteren Präeklampsie
noch versuchen kann, die Geburt zwei, drei Wochen hinauszuzögern, kommt
in diesem Fall meistens nur ein Kaiserschnitt in Frage.
Das Unheimliche am HELLP-Syndrom ist, dass es sich unmerklich einstellen kann:
Frauen fühlen sich total wohl, zeigen keine Symptome, und plötzlich
wird ihnen gesagt, sie seien schwer krank!
Auf den alarmierenden Gesundheitszustand der Schwangeren weisen die Laborwerte
hin, die Ergebnis einer ganz normalen Schwangerschaftskontrolle sein können.
Wie beschrieben, ist die Zahl der Blutplättchen viel zu niedrig, wodurch
die Blutgerinnung aus den Fugen gerät. Sie muss schnellstmöglich
wieder in Ordnung gebracht werden, und zwar mit Blutplasma und/oder -plättchen,
das die fehlenden Gerinnungsfaktoren und Plättchen ersetzt.
Wieder gesund werden
Dank der medizinischen Möglichkeiten erholen sich die meisten Patientinnen
gut. Zurückbleiben kann gelegentlich hoher Blutdruck. Ist er nach 42
Tagen immer noch hoch, dann steigt die Wahrscheinlichkeit – so die Erfahrung
– dass er chronisch wird. Ehemaligen Patientinnen wird empfohlen, sich
bei ihrem Arzt, ihrer Ärztin zu einer Nachuntersuchung anzumelden.
Wo gibt es Perinatal-Zentren?
Alle Universitätskliniken und die grösseren Kantonsspitäler
haben ein solches Zentrum. Das sind Kliniken, die mit anderen medizinischen
Disziplinen zusammenarbeiten und bei denen eine Abteilung für Frühgeborene
(Neonatologie) angegliedert ist. Weil Patientinnen aus der ganzen Schweiz
in Perinatal-Zentren überwiesen werden, verfügen die Ärzte
und Ärztinnen dort über fundierte Kenntnisse auf diesem Gebiet.
Ausserdem sind die Zentren für eine optimale Behandlung ausgerüstet.